Monstermädel
Desmofun Oschersleben

Versprechen und Rennstrecke

Wir machten uns wieder auf die Strasse. Was anderes konnten wir ja nicht. Meine Performance war schlicht unwürdig und ich musste mir bald Gemecker anhören. "Hier geht mehr…..schnapp dir die Pulle…..lass die Kordel schießen….!"
Ich konnte nicht vor lachen. Anscheinend wurde mir im Krankenhaus im Austausch gegen das Schräglagen- und Speedzentrum ein Warnsystem für mögliche Gefahren spendiert. Ich wurde einfach fremd gesteuert abgeregelt .
Spürbare Angst hatte ich nach dem Crash nicht. Aber krumme Gedanken. Wann würde der Knoten platzen? Oder war ich am Ende verdammt????
Die Monster sorgte sich die Seele wund, sah im Geiste vorbeiziehende Roller, eckige Reifen und mindestens 40 fette, weil arbeitslose Pferde. Ich hätte ihr gerne Zuversicht vermittelt. Aber was wäre, wenn hinter der nächsten Kurve nun doch eine Wand aus dem Boden wachsen würde??? Neuerdings erschien mir alles möglich.

Wieder einmal standen wir nach erfolgloser Bestformsuche vor der Garage. Ich belupte die Reifen….hinten keine Peinlichkeit, vorne auch nix zu meckern. Trotzdem holperten wir unrund durchs Bergische. "Troy….was nun???"

Als ich ratlos die Garage öffne, sehe ich schemenhaft zwei Gestalten im Dunkel. "Och nö…" , denke ich und blinzele sie erfolglos weg. Sie kommen näher und emotional weiß ich wer da steht.
Die Frau ist ein Hingucker. Lässig lehnt sie an der Garagenwand und lächelt. Auf eine ganz eigene Art ist sie dermaßen verführerisch, dass ich kurz meine Ausrichtung überdenke. Sie weiß um ihre Wirkung ohne damit zu spielen. Ihre Stimme verspricht Erlösung…"Ich bin die Rennstrecke…." Ich schlucke trocken…
Der Kerl neben ihr muss genmanipuliert sein. Ein Gebirge. Riesig, wuchtig und furchteinflößend steht er da. Die Arme vor der Brust verschränkt schaut er mich finster an. Ich überlege kurz, warum diese Granate den Troll da neben sich duldet. Aber eigentlich ist es klar. "Ich bin das Versprechen!!!!" donnert es mir um die Ohren. Habe ich da aus dem Augenwinkel eine hämisch grinsende Monster gesehen?? Als mich die Rennstrecke sanft an der Hand in die Sonne führt tritt mir das Versprechen nachdrücklich in den Hintern. "Ich bin erledigt", schießt es mir durchs Hirn. Schon gut, schon gut! Es ist eine uralte Schuld meiner Roten gegenüber…..nur blöd, dass gerade jetzt alle nach treten, wo ich doch eh schon am Boden liege. Die Monster wirkt naturgemäß sehr zufrieden, lässt umgehend im Kasernenhofton die fetten Zossen antreten und halbiert ihnen die Ration.

Nicht sehr viel später trete ich in einem Transit wieder in die Realität ein. Hinten steht meine Kleine. Eine rote Ur-Monster ohne Spiegel. Die braucht es für die folgenden zwei Tage nicht. Neben ihr noch eine Monster. Biestig, schwarz und böse. Ich bin ein bisschen stolz auf die Rote, wie sie da so steht. Sie hat die Überlegenheit des Alters, fürchtet sich vor nichts mehr und rollt sympathisch die Augen, als sich die Schwarze schon mal auf Krawall bürstet. Ziel der Reise??? Oschersleben….Twin Days 2005!!
Ich bin zappelig, als wir am frühen Abend ins Fahrerlager rollen. Die Luft ist angenehm und es trudeln ständig Fahrzeuge aller Art ein. Pkws mit Anhänger, Transporter alles Art und Güte und überall stehen 2-Zylinder herum oder werden in die Boxen geschoben. Jeder scheint zu wissen, was er tut und gleich zu tun hat.
Die Rookies haben alle große Augen und den ratlos suchenden Blick. Man findet sich schnell, beteuert, dass man " nur mal gucken will, wie es so auf dem Kringel ist" und schon geht es einem etwas besser.

Meine erste Runde OL erlebe ich noch am selben Abend als Sozia auf einem Roller. Abendhimmel, laue Luft, ein Hase kreuzt die Piste, Curbs, Kiesbetten, Ampelanlagen. Alles liegt still und friedvoll in der Dämmerung und mir wird bewusst, dass nicht nur Kerzenschein, ein flackernder Kamin oder Sonnenuntergänge am Meer romantisch sind und eine schöne Gelegenheit bieten, um herrlich und voller Freude den Verstand zu verlieren. Wundersame Namen und Erklärungen streifen meine Ohren: "Hasseröder…….Triple…..eine Linie…..kleine Bodenwelle…..Hotelkurve…raus tragen lassen ….Schikane……" Ich höre kaum zu vor unbändigem Spaß und Erleichterung. Ich bin da!!!!!

Die Monster wird für zwei Tage die grüne 7 tragen. Grün, weil ich ein Kringel-Anfänger bin und in der Krabbelgruppe mitfahren werde. Als alles zerbröselbare an der Monster abgetapet und der Bremslichtstecker gezogen ist klebe ich die 7 auf den Scheinwerfer, streiche noch einmal drüber und fertig. Die Kümmerei um die Kleine hat wie immer etwas meditativ-beruhigendes und jegliche Aufregung ist vergessen. Ich fahre schließlich nicht seit gestern mit der Roten rum. Was soll schon passieren??
Die Box ist inzwischen gut gefüllt und ich muss grinsen. Da steht einiges an optimiertem Wert . Alles auf Montageständern, die Reifen sind explizit für die Rennstrecke und mit Reifenwärmern ummantelt. Das mitgeführte Equipment ist beeindruckend und macht bestimmt Sinn. Außer Lappen und Öl hab ich nichts dabei. Mehr ist mir auch nicht eingefallen.
Die Monster hängt entspannt dösend im Seitenständer und ist völlig gelassen. Das schwarze Viech neben ihr kauert sich schon zum Sprung zusammen und auch der Rest der bestummelten Eimer sieht trackfertig sexy und zugleich latent aggressiv aus. Nun wird mir doch wieder mulmig und ein Bier hilft.

Nächster morgen halb acht Fahrerbesprechung . Die Nacht war ruhig, Frühstück ging rein, die Toilettengangfrequenz ist unauffällig und der Kopf relativ frei. Ich sitze gleich eh in der ersten Reihe und werde sehen, wie es so ist ohne Spiegel, Mittellinie, Leitplanken aber dafür mit einem Streifen Asphalt, der in voller Breite mir gehört. Die Boxengasse füllt sich so langsam mit den Grünen und ich schiebe die Kleine aus der Box, starte sie und sortier mich ein.
Nach und nach wird der Trupp scheibchenweise hinter einem Instruktor ins Feld geführt. Noch wartend erwidere ich das eine oder andere zunicken und mache um mich herum einiges davon aus, was mir gestern Abend noch schnell und angriffslustig vorkam. Bei den Ducs ist eigentlich alles vertreten….von einer 900er SS bis zur 999 ist alles da, Monster gibt es wie geschnitten Brot und leider nur wenig altes Material. Die Gebückten sehen per se schnell aus und geben sich auch so, einige haben sich und ihren Eimern reichlich buntes aufgeklebt und sogar King Carl gibt sich die Ehre. Aber das Grün weist auch sie als Windelträger aus. Kein Grund zur Panik. Ich werde ebenso gemustert und schaue gelangweilt. Man man man….hab ich Herzjagen!!!!
Andere wirken so, als wären sie eher auf den Landstrassen der Welt zu Hause und per Zufall hier gelandet. Nachher werden sie wieder den Tankrucksack aufschnallen und gen Alpen entschwinden. Alles in allem sind wir eine Tüte Gemischtes für 2,50 und ich bin gespannt. So langsam wird auch die Monster wach und wittert Morgenluft. Sie taxiert das Gerät in der Nachbarschaft genau so wie ich, scheint zufrieden und versammelt sich.
Visier zuklappen, Füße auf den Rasten zurechtrücken, sich kleinmachen Talisman berühren, "Troy hilf" murmeln, Schulterblick rechts und wir sind auf der Strecke. Ja!! Mir geht die Pumpe und ich bin aufgeregt. Die Rennstrecke impliziert schon auf dem ersten Meter Geschwindigkeit und wir wollen los!

In der Hasseröder stapeln wir uns aber schon und in der Triple wird geschoben. Die Schikane könnte mir gefallen, aber nicht im Ackergang. Die Karawane passiert sinnig Start/ Ziel und dann läuft es runder. Das Tempo ist locker und steigert sich vertrauenerweckend. Die Monster rennt einwandfrei, stellt 80 gutgelaunte und gut trainierte Pferde zur Verfügung. Ich fühle mich in keiner Weise fehl am Platze und als ich nach 20 Minuten die Monster in der Box abstelle bekomme ich den Helm kaum über mein Grinsen.

Die nächsten 2 Turns übernimmt mich eine Instruktorin. Erst sie voraus, dann hinter mir und ganz danach Manöverkritik, der ich devot entgegensehe.
"Ich schaue nicht weit genug in die Kurven, bitte nicht engagierter aus den Kurven raus, Angst vor Schräglage habe ich nicht, die Schikane macht mir erkennbar Spaß, ich fahre ein schöne und runde Linie…..(die auf Dauer aber nicht schnell macht!!), zügiger überholen, schnell genug bin ich, nicht zu lange überlegen!!" Leider kommt mir das Handeln der Vorausfahrenden noch undurchschaubar vor….Aber Babette wird schon recht haben. Durch mit uns!!
Zum Thema bremsen sagt sie nix. Was mich wundert, denn ich kann es nicht. Soll bedeuten, dass es nicht stattfindet. Schätze, dass mich das auf Dauer auch nicht schnell macht. Da wird Arbeit auf mich zukommen…
Desmofun Oschersleben
Dann bin ich allein unterwegs. Erst ist es komisch, aber nach einigen Runden fühle ich mich ok. Ich achte auf meine Blickführung und maximalen Spaß. Der Rest kann warten. Zwischen den Turns bummele ich durch die anderen Boxen oder sitze vergnügt im Campingstuhl, schaue dem Kommen und Gehen in der Boxengasse zu und genieße den Blick auf meine Monster...
Die Reifen sind klebrig und noppig, der Rand am Vorderreifen ist merklich schmaler geworden. Für mich erstaunlich, denn gefühlt fahre ich hier Landstraßenmodus und nicht ums Blaue Band. Aber irgendetwas macht wohl doch einen Unterschied.
Später versuche ich mich in einem Anfall von Größenwahn an einer 996.
Der Typ ist für die Windelträger eindeutig überqualifiziert und gab heute Morgen mit Instruktor eine überzeugende Vorstellung. Ende Start/Ziel flutscht er an mir vorbei und ich bestaune seine Schräglage. Bis zur Hasseröder nehme ich auf die Monstergesundheit keine Rücksicht und mir wird vage bewusst, dass ich momentan seine Geschwindigkeit und Schräglage fahre, tatsächlich gebremst habe und das es nicht weh tut. Er hat natürlich das Knie am Boden und sieht einfach schnell aus. Mein kurveninneres Knie schiebt sich im günstigsten Fall am Tank entlang nach vorne. Aber wenn ich wüsste, wie es geht….dann könnte es jetzt ganz locker ohne Spagat klappen und würde sinnvoll und nicht albern aussehen . Ich muss grinsen. Bisher war mir das mit dem Knie scheißegal!!
Richtung Triple macht er Meter und ich entschuldige mich beim beschleunigen bei der Kleinen. Sie schnauft, den Pferden steht Schaum vorm Maul und ich höre ein angestrengtes " ein bisschen geht noch !!" . Ich fasse das als Zuspruch auf, behalte mit kontrollierter Blickführung die 996 im Auge und biege für unsere Verhältnisse ziemlich flott in die Triple ein. Die Monster arbeitet hinten ordentlich, alles passt bestens und kleine Allmachtsphantasien bemächtigen sich unserer. Die 996 kommt nur langsam weg und Monster und ich denken parallel, das wir das auch können, was der da vor uns kann. Aus der der Triple raus beherzige ich den Hinweis von Babette jeden Meter zu nutzen, spüre die Windel an meinem Hintern kaum und in der Schikane steht er mir im Weg!! Der Augenblick geht natürlich schnell vorbei und Mitte der Gegengeraden ist er einfach weg. Für eine halbe Runde haben wir mal aus unserem Genpool herausgeschaut und die nächste Evolutionsstufe betrachtet. Hat Spaß gemacht.

Die Zahl der noch zu fahrenden Turns wird nun übersichtlich und das Ende des ersten Tages droht. Der eine und andere kam mal in der Box vorbei und hat sich anerkennend geäußert. Noch ist es niemandem peinlich, dass er auf überlegenem Material an einer Vorkriegsmonster scheitert und Ross und Reiter sind zufrieden.
Wir Grünen sind zwar "nur" die Krabbelgruppe , aber gegeben haben wir für unsere Verhältnisse alles. Heute morgen waren wir in den verschiedensten Stadien nervös, am späten Nachmittag herrscht Entspannung und Freude.
Schneller sind fast alle geworden und die ersten lassen sich von Hand stoppen oder wagen einen Blick auf die Zeitanzeige bei Start/Ziel.
Heute Morgen ging es um Spaß und es wurde ganz tief gestapelt. Jetzt erwacht der Ehrgeiz und ich lausche Überlegungen, ob und was man an Fahrwerk und Reifendruck ändern könnte, wo die Wahrheit in der Triple liegt und ob man sich vor Ort einen Reifensatz leisten soll. Ich überlege still, ob Reifenwärmer nicht doch eine gute Erfindung sind , befinde eine Anti-Hopping-Kupplung nach zwei Aha-Erlebnissen als durchaus auch eines Anfängers würdig und hätte gerne auf Start/Ziel und der Gegengeraden eine Handvoll Pferde mehr. Oder ein anderes Motorrad, dass ich ungerührt treten kann. Oder einfach viel mehr Erfahrung und Können.
So kann es gehen…..ein Tag Kringel und man macht sich auf den Weg zu Höherem.

Wir sind zwar immer noch so was von grasgrün und bestimmt eine Schande für den echten " Kringler", aber ein Stückchen mehr zugehörig und schlauer fühlen wir uns schon. Nach dem letzten Turn reihe ich die Monster zwischen die Schnellen ein und sehe , wie sie die Augen auf Halbmast setzt. Ich klopfe ihr den Tank und bedanke mich still. Sie seufzt wohlig und wenn ich noch rauchen würde so wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt für die Zigarette danach.

Der zweite Tag beginnt mit Regen und war ich gestern Morgen nervös so kann ich es jetzt kaum erwarten bis sich ein trockener Streifen zeigt.
Als die Nachricht " Ideallinie trocken" die Runde macht, kann ich wieder lachen und los geht es. Erst wieder ein bisschen eckig, aber das gibt sich schnell.
Ich versuche mich am Bremsen und es ist beschämend, wie instinktiv und ungefähr ich das handhabe.
Immerhin versuche ich bei gleichbleibender Geschwindigkeit Ende der beiden Geraden und vor der Hasseröder zu bremsen. Um mich dann über mangelnden Kurvenspeed zu ärgern…also noch ne Runde und ein bisschen später. Oder doch vorher einfach schneller??? Ich eiere rum wie die Hanging-Off -Über und als mich ein Opfer kassiert wird es mir zu blöd und ich muss hinterher. Nicht, dass hier falsche Gedanken aufkommen.
Der Spaß überkommt uns und natürlich auch der Ehrgeiz. Inzwischen hat man auch innerhalb der Windelträger Gegner, Opfer und Überlegene ausgemacht und alles kann man sich nicht bieten lassen.
Ran fahren ist eine Sache…. vorbei eine andere….da ist wirklich was dran! Ich spekuliere viel zu lange über mögliche Optionen und werde in den Kurven leicht sauer. Was bewirkt, dass ich dann doch ein Innen oder Außen finde und mich plötzlich wie ein Profi fühle. Oder ich doch bremse und zur Abwechslung dabei jemanden eintüte und still triumphiere. Ob grün, blau, rot oder lila/gelb getupft. Die Intentionen sind bestimmt dieselben. Wir Grünzeug wissen zwar noch nicht so recht wie, aber der Wille ist da. Und eigentlich müsste ja fast jeder mal so klein angefangen haben.
Ich entschließe mich, den Rest des Tages als mentale Reha zu sehen und mach mir keinen Kopf mehr. Wir drehen Runde um Runde, greifen mal treffend und heftig in die Bremse und fühlen, dass es passt. Erleben , dass es richtige und falsche Linien gibt. Werden beim Überholen flüssiger und zucken innerlich, wenn jemand vorbeirauscht. Und ich stelle fest, dass die alte Monster mit ihren übersichtlichen paarundsiebzig PS und mit ohne Fahrwerk immer noch viel mehr kann als ich.

Der vor mir liegende Weg wird eher steinig schätze ich. Und ich überlege, ob mir 12 Jahre Landstrasse im Weg sein werden. Oder ob mir ein bisschen Spaß auf dem Kringel reicht und die Krabbelgruppe auch. Und ob ich, wenn es mir nicht reicht, noch mal von vorne anfangen muss, kann oder will.
Immerhin habe ich nun den größten Respekt vor allen, die schnell sind und vor allem wissen, was sie tun.
Und so geht auch dieser Tag vorbei.
Die rote Monster steht wieder verzurrt neben der schwarzen. Die Reifen sind geschunden. Sie hat sich tapfer geschlagen. Ich habe mich erst übelst ablegen müssen, um den Weg hierher zu finden. Und ich habe die Freude am Fahren wiedergefunden. Unbeschwert werde ich so richtig nicht mehr sein können. Das Wissen um die eigene Verletzbarkeit ist präsent. Man liegt schnell am Boden und es dauert gegebenenfalls lange, bis man den Hintern wieder hochbekommt. Danke, aber danke nein. Das muss ich nicht noch mal haben.

Und kurioserweise hatte ich nach OL für einige Wochen kein Bedarf nach der Strasse. Denn was hätte sie mir groß zu bieten??
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